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17.07.2017

EU regelt den Einsatz von Insektenmehl in Fischfutter

Seit dem 01. Juli 2017 gilt die geänderte EU-Verordnung 2017/893, wodurch die rechtlichen Voraussetzungen für die Verwendung von verarbeitetem tierischem Protein von Nutzinsekten für die Fütterung von Tieren in Aquakultur geschaffen wurde. Die Änderung der bestehenden Verordnungen EG 999/2001 und EG 142/2011 war naheliegend, da ein im Jahr 2015 angefertigtes EFSA-Gutachten kein erhöhtes Risiko durch Insektenmehle vermuten ließ, solange die Insekten auf Substraten ohne Wiederkäuermaterialien und/oder menschliche Fäkalien gezogen werden würden. Der Einsatz von Substraten aus Nichtwiederkäuerherkunft (d.h. insbesondere Beiprodukte aus Schwein, Geflügel, Fisch und Muscheln) und nichttierischen Substraten (z.B. Pflanzenreste, Cerealien) zur Produktion verschiedener Insektenarten wurde bereits erfolgreich getestet und aktuell produziert z.B. die Firma Ynsect in Frankreich bis zu 20.000 Tonnen Mehlwürmer als Rohstoff für Fischfutter, Heimtierfutter und weitere Anwendungen. Der erfolgreiche Einsatz von Insektenmehl in der Fischernährung wiederum wurde ebenfalls mehrfach wissenschaftlich belegt (z.B. Kroeckel et al 2012). Insektenmehle können also eine sinnvolle Bereicherung der Rohstoffpallette für die Aquakultur darstellen und insbesondere durch die Auswahl des Kultursubstrates eine Schlüsselrolle in Nährstoff-Futtermittel-Kreisläufen darstellen.

Ab sofort dürfen in Europa sieben verschiedene Insektenarten in verarbeiteter Form in Fischfutter (bzw. Mischfuttermittel für die Aquakultur) eingesetzt werden. Es handelt sich hierbei um Soldatenfliege (Hermetia illucens) und Stubenfliege (Musca domestica), Mehlkäfer (Tenebrio molitor) und Getreideschimmelkäfer (Alphitobius diaperinus) und drei Grillenarten, Heimchen (Acheta domesticus), Kurzflügelgrille (Gryllodes sigillatus) und Steppengrille (Gryllus assimilis). Unter Berücksichtigung nationaler Risikobewertungen und auf Grundlage des EFSA-Gutachtens gelten diese sieben Arten als nicht pathogen und frei von sonstigen nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen. Außerdem gelten sie nicht als Vektoren human-, tier- oder pflanzenpathogener Erreger und nicht als geschützte oder definierte invasive gebietsfremde Arten.

 

Diese sieben Arten werden in der aktuellen Verordnung als Nutzinsekten definiert und somit anderen Nutztieren im Sinne der EG 1069/2009 gleichgestellt. Daraus folgt, dass sie nicht mit Wiederkäuer-Proteinen, Küchen- und Speiseabfällen, Fleisch- und Knochenmehl sowie Gülle oder Kot gefüttert werden dürfen (gemäß EG 999/2001 und EG 767/2009). Die einzig zulässigen Substrate für die Insektenproduktion sind Produkte nichttierischen Ursprungs und folgende Produkte tierischen Ursprungs aus Material der Kategorie 3: Fischmehl, Nichtwiederkäuer-Blutprodukte, Dicalcium- und Tricalciumphosphat tierischen Ursprungs, aus Nichtwiederkäuern hydrolysierte Proteine, aus Wiederkäuerhäuten und -fellen hydrolysierte Proteine, Gelatine und Kollagen von Nichtwiederkäuern, Eier und Eiprodukte, Milch, Erzeugnisse auf Milchbasis, aus Milch gewonnene Erzeugnisse und Kolostrum, Honig und ausgelassene Fette (geänderter Anhang XIV, Kapitel I, Abschnitt 2, Absatz 5 b und c der EU 142/2011). Die Futtersubstrate, Insekten und ihre Larven dürfen nicht mit anderem Material als den vorgenannten Substraten tierischen Ursprungs in Berührung gekommen sein, um eine Kreuzkontamination zu verhindern. Die Nutzinsekten müssen in speziellen Herstellungsbetrieben produziert werden, die nach ähnlichen Prinzipien arbeiten wie sie auch für andere Futtermittelbetriebe gelten. Die Verordnung geht besonders detailliert auf ein potentielles Risiko von Kreuzkontamination mit Wiederkäuermaterialien ein, um das Risiko der Übertragung von Prionen im Zusammenhang mit BSE zu minimieren. Ein Risiko besteht insbesondere dann, wenn in dem selben Betrieb Insekten- und Wiederkäuermaterialen gelagert, verfüttert und/oder anderweitig verarbeitet werden. Da auch nennenswerte Mengen der o.g. Nutzinsekten in außereuropäischen Drittländern produziert und ggf. in die EU importiert werden, gelten die o.g. Regularien auch für Importware. Entsprechend aktualisierte Veterinärpapiere (Veterinärbescheinigung) sind in der Anlage der Verordnung aufgeführt.

Wann die ersten kommerziellen Fischfutter mit Insektenprotein auf dem europäischen Markt zur Verfügung stehen ist noch nicht klar. Es ist jedoch absehbar, dass durch die Klärung der gesetzlichen Rahmenbedingungen nun der Weg für eine gesteigerte Produktion dieses Rohstoffes frei ist. Für die Insektenproduktion in Deutschland kommt es nun noch darauf an, dass die o.g. Regularien in angemessener Form in nationales Recht überführt werden. Die Produktion und Verwendung von Insekten, die in frischer oder getrockneter Form an Fisch verfüttert werden, ist von diesen Regularien übrigens nicht betroffen.

Das Potential und die rechtlichen Rahmenbedingungen zur Verwendung von Insektenmehl war auch Thema einer kleinen Anfrage verschiedener MdBs und der Fraktion B90/Grüne im Bundestag. Die Antwort verweist in Masse auf die o.g. EU-Regularien. Die kleine Anfrage und die zugehörigen Antworten können Sie in der rechten Spalte herunterladen.

Die in diesem Artikel zitierten EU-Verordnungen und EFSA-Dokumente stehen in der rechten Spalte zum Download bereit.


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