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29.08.2016

Besichtigung- und Informationsfahrt Aquakultur

Der Verband der Binnenfischer und Teichwirte in Schleswig-Holstein und das Kompetenznetzwerk Aquakultur (KNAQ) haben in der 34. Kalenderwoche eine Besichtigungs- und Informationsfahrt für ihre Mitglieder angeboten. Im Rahmen dieser Tour wurden verschiedene Fischerei- und Aquakulturbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Niedersachsen besichtigt. Die Tour wurde in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesfischereiverband für Berufspraktiker der beiden Verbände und für weitere Interessierte aus dem Umfeld des KNAQ angeboten. Der Verband ist bereits seit 5 Jahren Mieter in den Räumlichkeiten der LKSH und das KNAQ wird seit Mai 2016 als Projekt an der LKSH geführt. Die Kammermitarbeiter Frau Witt, Herr Hahn und Herr Meyer aus dem Fachbereich Fischerei begleiteten die Tour.

Am ersten Tag der Tour stand eine Besichtigung der Warmwasserkreislaufanlage der Landesforschungsanstalt MV in Hohen Wangelin auf dem Programm. In dieser Forschungs- und Entwicklungsanlage werden ganzjährig Zander in geschlossenen Systemen erzeugt. Institutsleiter Carsten Kühn und Anlagenleiter Gregor Schmidt erklärten, dass der Zander ein hochpreisiger Speisefisch ist, der sich auf Grund seines schnellen Wachstums und seiner guten Marktstellung als Kandidat für Kreislaufanlagen eignet. Die Produktion dieses Fisches stellt jedoch große Anforderungen an die Technik und Qualifikation der Produzenten und viele Fragen der Haltung, z.B. zur optimalen Fütterung, müssen noch weiter erforscht werden. Deswegen beschäftigt sich die LFA schon seit mehreren Jahren intensiv mit diesem Kandidaten. In dieser Anlage werden die Elterntiere ohne Einsatz von Hilfsstoffen bis zu sechsmal im Jahr zum natürlichen Ablaichen stimuliert und die Gelege erbrütet. Die frisch geschlüpften Zanderlarven erhalten zunächst Naturnahrung, bevor sie auf Trockenfutter umgestellt und in größere Mastbecken umgesetzt werden. Dort wachsen die Tiere über einen Zeitraum von weniger als 12 Monaten auf über 1kg Körpergröße heran und können dann entweder ganz oder als Filetware vermarktet werden. Von der herausragenden Qualität dieses Produktes konnten sich die Teilnehmer bei der Sashimi-Verkostung, d.h. hauchdünn geschnittenes, rohes Filet mit einem Spritzer Sojasauße, selbst überzeugen.

Am zweiten Tag der Tour wurde das Institut für Binnenfischerei e.V. in Potsdam-Sacrow besichtigt. Dort wird seit dem Jahr 1922 an den aktuellen Herausforderungen der Fluss- und Seenfischerei, der Fisch- und Gewässerökologie, der Aquakultur und Fischzucht geforscht, gelehrt und gearbeitet. Bei einer Führung durch die Räumlichkeiten stellte Dr. Andreas Müller-Belecke die verschiedenen Arbeitsbereiche vor. Sein Kollege Janek Simon gab einen Einblick in seine aktuelle Forschungsarbeit zur Altersbestimmung beim Europäischen Aal. Mit Hilfe der Otolithen, d.h. winzig kleiner Kalksteine im Ohrapparat der Fische, kann er das Alter der Tiere bestimmt werden. Das ist vor allem dann wichtig, wenn der Erfolg von Besatzmaßnahmen und das Bestandsmanagement beurteilt und optimiert werden sollen. Dem Aal sieht man sein Alter nämlich von außen nicht an. Im Anschluss konnten die Teilnehmer der Tour die Versuchs-Kreislaufanlage des Institutes besichtigen, wo ebenfalls Zander gehalten und beforscht werden. Bei diesen Arbeiten stehen vor allem der Einsatz von alternativen Futtermittelrohstoffen und die Optimierung der Wasserqualität im Fokus.

Im Anschluss machte sich die Tour auf den Weg in die Berliner Innenstadt, genauer gesagt in den Stadtteil Berlin-Schöneberg. Dort befindet sich mitten in der Millionenstadt und auf dem umstrukturierten Gelände einer Mälzerei die Fischfarm der Firma ECF. Diese noch junge Anlage kombiniert die bereits besichtigte Form der Fischproduktion in geschlossener Kreislaufanlage mit dem Gemüseanbau unter Glas. Durch die Nutzung des nährstoffreichen Wassers aus der Fischzucht in der Bewässerung und Düngung des Gewächshauses lassen sich nicht nur Produktionskosten sparen, sondern außerdem noch ein Beitrag für die Umwelt leisten, erklärt Betriebsleiter Nicolas Leschke. Denn ECF vermarktet ihre Produktion vollständig im eigenen Hofladen und im Einzelhandel vor Ort, so dass Transportwege kurz und die CO2-Emission geringgehalten werden. Der produzierte Fisch wurde auf den Namen „Hauptstadtbarsch“ getauft und wird neben den selbst erzeugten Tomaten, Kräutern und Salaten erfolgreich an die Berliner Kundschaft gebracht. Beim gemeinsamen Mittagessen konnten sich die Teilnehmer auch hiervon aufs Genüsslichste überzeugen lassen.

Am Nachmittag stand dann der Besuch des Deutschen Fischereitages und insbesondere der Mitgliederversammlung des Verbandes der Binnenfischerei und Aquakultur (VDBA) auf dem Programm. Diese Veranstaltung ist das alljährliche Stelldichein der bundesweit agierenden Berufsverbände der Fischerei in Deutschland. Die Teilnehmer konnten sich dort auf den aktuellsten Stand der Verbandsaktivitäten auf Bundes- und EU-Ebene bringen lassen und ihre Meinung dazu kundtun.

Am dritten und letzten Tag der Tour wurden zwei niedersächsische Fischereien besichtigt. Die Teichwirtschaft Nabein in Warenholz ist ein traditioneller Betrieb der extensiven Produktion von Karpfen und anderen Nebenfischarten (Schleie, Forelle, Hecht, Zander, usw.) in Naturteichen. Auf 56 ha Fläche werden dort in 29 Teichen Speise- und Satzfische produziert, verarbeitet und veredelt. Beim ausgiebigen Fischbuffet in der zugehörigen Teichgutschänke konnten die Teilnehmer nicht nur das abwechslungsreiche Angebot genießen, sondern sich auch von Betriebsleiter Werner Nabein die auf das Jahr 1919 zurückreichende Familiengeschichte des Standortes näherbringen lassen. Im aktuellen Spannungsfeld zwischen landwirtschaftlicher Nutzung der Kulturlandschaft und den Belangen des Naturschutzes steht dieser Betrieb vor großen Herausforderungen. Durch die extensive und nachhaltige Bewirtschaftung der Teiche ist ein attraktiver Lebensraum für seltene Pflanzen, Amphibien und Wasservögel entstanden, die Herr Nabein durch die geschickte Bewirtschaftung der Teiche und die Schaffung von Naherholungsqualitäten für seine Gäste mit seiner Betriebspraxis in Einklang bringt.

Als letzte Etappe der Tour wurde die Forellenzucht der Familie Rengstorf in Walsrode besucht. Dieser Betrieb ist ein Musterbeispiel für den Quereinstieg eines landwirtschaftlichen Familienunternehmens in die Fischproduktion. Ausgehend vom traditionellen Spargelanbau (Familienbetrieb seit über 100 Jahren) begann die Familie Rengstorf im Jahr 2010 mit der Forellenproduktion in einer Teilkreislaufanlage. Die ursprünglich aus Dänemark stammende Technik beruht im Großen und Ganzen auf den Prinzipien der bereits zu Beginn der Tour besichtigen Kreislaufanlagen, wird hier jedoch unter freiem Himmel, d.h. ohne Halle und Einhausung, umgesetzt. Die Fische werden in folien-bespannten Fließkanälen innerhalb von 18 Monaten zur Schlachtreife (ca. 1-3 kg) gezogen und in den Wintermonaten als Filet und Rogen vermarktet. Das Wasser der Anlage wird durch Biofilter aufbereitet und mit einem Trommelsieb werden Kot und andere Partikel aus dem Wasser entfernt. Durch eine intensive Belüftung des Wassers wird eine optimale Strömungsgeschwindigkeit in den Fließkanälen und eine Anreicherung des Wassers mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff erreicht.

Die beiden Berufsverbände aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen und das Kompetenznetzwerk Aquakultur bedanken sich bei allen besichtigten Betrieben und Institutionen für die Gastfreundschaft und den offenherzigen Empfang! In diesen drei Tagen haben die Teilnehmer nicht nur interessante Betriebe besichtigt und dort neue Ideen und Anregungen mit nach Hause genommen, sondern haben die Zeit auch intensiv zum Netzwerken untereinander genutzt.


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