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31.10.2016

„Stand der Technik“ und „Gute fachliche Praxis“ in der europäischen Forellenproduktion

Die dänische Umweltbehörde (Miljøstyrelsen) hat eine umfassende Studie veröffentlicht, die die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Anforderungen zum Einsatz von „Stand der Technik“ und „Gute fachliche Praxis“ in der Forellenproduktion in Dänemark, Deutschland, Italien, Polen und Großbritannien miteinander vergleicht. Im englischen Sprachgebrauch werden diese in der Regel als Best Available Technology (BAT) und Best Environmental Practice (BEP) bezeichnet.

Die Studie sollte prüfen, ob und in wie fern EU-Umwelt-Gesetzgebung mit Relevanz für die Forellenteichwirtschaft (d.h. insbesondere WRRL) in Dänemark strenger ausgelegt und angewandt wird, als in den anderen EU-Mitgliedstaaten DE, UK, IT, PL. Durch den Regierungswechsel in Dänemark wurde dort ein Prozess in Gang gesetzt, der bestehende Gesetzgebung überarbeiten und ggf. anpassen soll. Um die Verhältnismäßigkeit der aktuellen Gesetzgebung zu belegen wollte die dänische Behörde gerne wissen, ob es in den nächsten Nachbarländern ähnliche Missstände gibt. Die Studie sollte ferner zeigen, ob und in welchem Umfang in den untersuchten Ländern BAT und BEP für die Produktion von Regenbogenforellen definiert und angewandt werden.

An der Studie haben Wissenschaftler der GMA in Büsum zusammen mit dem dänischen Projektbüro Perkulator gearbeitet und über einen Zeitraum von 6 Monaten im Winter und Frühjahr 2015/16 umfassende Literaturrecherche und Telefoninterviews mit Praktikern und anderen Experten durchgeführt. Das Ergebnis ist ein 180-seitiger Bericht, der nicht nur die aktuelle Sachlage zu dieser Thematik zusammenfasst, sondern auch die Wahrnehmungen und Meinungen der durch entsprechende Regulierung betroffenen Praktiker wiederzugeben versucht.

Das Ergebnis fällt wie nicht anders zu erwarten sehr divers aus. In Dänemark haben BAT und BEP seit einer maßgeblichen Gesetzesänderung im Jahr 2012 auf breiter Front Einzug gehalten. Bestandsbetriebe mit einer jährlichen Produktion von mehr als 100 Tonnen müssen gesetzlich definierte BAT und BEP anwenden, um ihre Produktion fortsetzen zu dürfen und sind verpflichtet den turnusgemäßen Ausbau dieser Maßnahmen nachzuweisen. Hierzu gehören z.B. konkrete Vorgaben zu erforderlichem Grad der Wasserrezirkulation, maximaler Frischwasserbedarf pro Futtereinsatz und Einsatz von präzisen Strömungsmessgeräten, Biofiltern, Pflanzenlagunen und Partikelseparatoren. Durch den Einsatz dieser BAT und BEP und bei „guter Führung“, d.h. bei Einhaltung aller gesetzlichen Emissionsgrenzen über einen anfänglichen Überwachungszeitraum, werden diesen Betrieben viele wiederkehrende Unannehmlichkeiten, z.B. ausführliche Umweltverträglichkeitsprüfungen, erspart. Innerhalb der Emissionsgrenzen, die für jeden Betrieb individuell festgelegt werden, können die Betrieb dann soviel Futter einsetzen und Fisch produzieren, wie ihnen möglich ist. Dieser Wechsel von einer Futter-Kontingentierung zu einer Einleiter-Kontingentierung hat es vielen Betrieben ermöglicht, ihre Produktion signifikant zu steigern. Für kleinere Produzenten gelten weniger strenge BAT und BEP-Auflagen bzw. sie können auf Antrag auch gänzlich von dieser neuen Regulierung ausgenommen werden, insbesondere wenn es auf Grund der örtlichen Lage und der betrieblichen Situation nicht möglich ist, die neu geforderten BAT und BEP umzusetzen. Sie haben dann jedoch mit einem erheblich größeren Kontroll- und Dokumentationsaufwand zu rechnen.

In allen anderen untersuchten Ländern finden BAT und BEP in der Forellenteichwirtschaft ebenfalls ihre Anwendung. Es ist jedoch auffällig, dass die Definition von dem jeweiligen Stand der Technik bzw. der guten fachlichen Praxis von unterschiedlicher Seite vorangetrieben werden. In Italien, Polen und Großbritannien (England und Schottland wurden untersucht) sind es vor allem die Produzentenverbände, die BAT und BEP in einheitlichen Dokumenten bündeln, veröffentlichen und auf dem aktuellsten Stand halten. Insbesondere in Großbritannien wurde dieser Schritt aus Sicht der Verbände notwendig, da sich die Produzenten zunehmend durch die Anforderungen des Handels und der Zertifizierer unter Druck gesetzt sahen. Dies mündete in der Schaffung eines eigenen Qualitätszertifikat „Quality Trout UK“, welches auf den Prinzipien des „Code of Good Practice“ des Forellenverbandes BTA beruht. Diese beiden Gewerke wurden durch den Verband aktiv beworben und im Laufe der Zeit auch als Referenz für die behördliche Regulierungs- und Genehmigungspraxis anerkannt.

In Deutschland und Polen zeichnete sich in der Befragung der Betriebe eine Gemeinsamkeit ab, die mithin als eine „natürliche“ fachliche Praxis der Berufspraktiker bezeichnet werden kann. Im Umfeld der Berufspraktiker und der anderweitig professionell mit dem Thema verbundenen Akteure existiert eine sehr klare Vorstellung von „Guter fachlicher Praxis“, die auf dem persönlichen Erfahrungsschatz und der beruflichen Ausbildung beruht, und durch einen großen Fundus an einschlägiger fachlicher und wissenschaftlicher Dokumentation unterlegt wird. Im Umgang mit fachfremden Entscheidungsträgern, z.B. im Zusammenhang mit der Erteilung einer wasserrechtlichen Genehmigung, fällt es dann aber unverhältnismäßig schwerer diese umfassende „natürliche“ fachliche Praxis zu vermitteln und zu kommunizieren. Dies betrifft einerseits technische Aspekte (z.B. Zuverlässigkeit und Funktionsweise bestimmter Installationen zur Abwasserbehandlung) und andererseits auch Aspekte der Betriebsführung (z.B. Gesunderhaltung durch Prävention an Stelle von medikamentöser Behandlung). Eine konsolidierte und allgemeinverständliche Zusammenfassung der „Guten fachlichen Praxis“, wie sie z.B. in Großbritannien verwendet wird, könnte hierbei hilfreich sein. Frei nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.

Den vollständigen (englischsprachigen) Wortlaut der Studie finden Sie auf der Internetseite der dänischen Umweltbehörde unter diesem Link.

Einen (englischsprachigen) Vortrag zur Vorstellung der Studie im Rahmen eines DG Mare Workshops finden Sie hier.


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